Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Sagt mein Großvater immer. Der ist jetzt 80, hat eine Menge Umwege machen müssen in seinem Leben. Vielleicht ist er genau deshalb als einziger in meiner Familie nicht in Ohnmacht gefallen, als ich mit Anfang 20 erzählt habe, dass ich die Uni schmeißen und meine eigene Firma gründen werde. Meine ganze Familie schnappatmete vor sich hin und wie sie dann alle ohnmächtig mit ihren Köpfen in der Sonntagsbratensoße lagen, zermatschte mein Großvater eine Kartoffel, schob sich die Gabel in den Mund und sagte kauend: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.
Und das, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte, was ich da genau plante. Was mit Computern und so... Computer sind für für meinen Großvater heute noch so fremd wie Homer Simpsons in einer Volksmusiksendung und dennoch hat er gesacht, Enkel, Du kriegst das schon hin. Und als ichs nicht hingekriegt hab, hat er noch einmal gesagt, Umwege erhöhen die Ortskenntnis.
Das war ein toller Moment, denn da war klar - der nimmt mich ernst. der vertraut mir. Da kam ich mir dann auf einmal erwachsen vor.
Das mit den Umwegen ist ja auch wichtig, weil sich ja immerzu alles ändert. Alles ändert sich immerzu und das ist großartig! Zugegegeben, das kann einem auch ein bisschen Angst machen, in den schönen Momenten jedenfalls, wenn man gerade zum ersten Mal mit Freunden am Feuer sitzt und aufs Meer rausguckt.
Wenn mal keiner der Idioten da ist, die immer einen zur Sau machen müssen, weil er die falschen Schuhe trägt, oder zu dick ist oder zu dünn oder die falschen Sprüche macht. Wenn keiner der Idioten da ist, die nur deshalb oben auf sind, weil sie andere klein machen oder weil sie ein dickes Taschengeld kassieren - wenn von den Idioten keiner da ist und man mit den besten nur denkbaren Leuten am Feuer sitzt und aufs Meer schaut, dann wünscht man sich natürlich, es möge immer so bleiben.
Tuts aber nicht - das wissen wir alle und wenns anders wäre, wenn sich nicht ständig alles änderte, dann säßen wir heute vielleicht in Tierhäute gehüllt draußen unter einer Eiche und Ihr müsstet nachher statt einer Urkunde aus Papier dicke Steintafeln nach Hause schleppen. Und Geld fürs neue Handy, fürs Moped oder einen Computer gäbs auch nicht, stattdessen würde Euch Onkel Heinz als Geschenk ein totes Wildschwein vor die Höhle legen. Und verabreden müsstet Ihr Euch über Rauchzeichen. Und Sido, Bushido, Kesha und Lena Mayer Landrut würden einsam mit Knochen auf gespannten Kuhhäuten rumtrommeln.
Also: Alles ändert sich. Immerzu. Lässt sich übrigens auch sehr gut nachvollziehen, wenn Ihr Euch mal die Jugendweihebilder Eurer Eltern anschaut. Die sahen echt seltsam aus... So rund um die 80er Jahre hatte der gute Geschmack offenbar Urlaub, sach ich immer. Wenn ich zum Beispiel an Hosen denke, die unten in die Strümpfe gesteckt wurden. Oder an Schulterpolster, Lederschlipse...
Die Lederschlipse und Schulterpolster sind ja dann recht schnell verschwunden - es gibt aber auch ein paar Sachen, die halten ein paar Generationen.
Probleme zum Beispiel. Die waren bei Euren Eltern auch nicht viel anders. Ok, die mussten sich nicht darüber ärgern, dass die beste Freundin, der beste Freund bei schülervz aus dem Gruscheln gar nicht raus kommt während sie selbst nur ganz selten Papas Computer benutzen dürfen, aber sonst: Auch Eure Eltern hatten Stress mit den Regeln, die ihre Eltern für sie gemacht hatten. Auch die hatten Liebeskummer, auch die wollten einen Freundeskreis, dem es nicht egal ist, ob sie da sind oder nicht. Auch die wollten, dass in der Schule alles glatt läuft und auch die hatten manchmal ein bisschen Schiss vor dem was noch so kommt.
Zwei Sachen, die nun kommen, kann ich Euch übrigens schon verraten: Die erste: Es naht nun die Zeit, da ihr ganz viele Entscheidungen treffen müsst. Ganz alleine. Klar, alle werden Euch gern beraten, aber es dauert gar nicht mehr lange, dann müsst ihr ganz alleine sagen so, oder so, oder noch anders. Das ist keine Drohung, im Gegenteil - denn dann könnt ihr ja auch selbst den Rücken breit machen für die Folgen. Und wenn eine Entscheidung gut und richtig war für Euer Leben, dann könnt ihr Euch selbst auf die Schulter klopfen - wenn nicht, naja, dann gibts immer noch einen neuen Versuch.
Aprospos neuer Versuch. Ich hab nach dem Abi beim Trampen durch Europa mal eine ganz seltsame Erfahrung gemacht: Immer dann, wenn wir stundenlang im Regen standen, es war kalt, wir hatten nichts zu essen dabei - alles war schlimm, dann passierte wenig später etwas ganz großartiges - eine Einladung zum Essen, oder es hielt ein Auto, in dem wir ganz lange mitfahren duften. Irgendwas tolles, irgendwas, das uns ja nicht passiert wäre, wenn wir vorher nicht so lange hätten warten müssen.
Aber ich hatte versprochen Euch zwei Sachen zu verraten, die demnächst auf Euch zukommen und ich bin noch die zweite schuldig: Ihr nähert Euch jetzt der Zeit, da Eure tiefsten Schlafphasen immer mehr in Richtung Vormittag rutschen. Sprich: Ihr werdet immer später müde und schlaft entsprechend länger. Nur dass Ihr Euch nicht wundert... Das ist ein Prozess, der dauert etwa bis ihr 20 seid, dann wirds wieder besser. Haben Wissenschaftler rausgefunden. Dummerweise sitzen in den Ministerien und Amtsstuben, also dort, wo darüber entschieden wird, wann die Schule anfängt, lauter Leute über 20. Und die haben schon vergessen, wie unfassbar müde man morgens sein kann. Deshalb werdet Ihr noch ein bisschen damit leben müssen, morgens in den ersten zwei Stunden eigentlich noch gar nicht wach zu sein.
So - das noch als kleinen Ratgeber zum Schluss und weil ihr meinen Großvater ja schon kennt, hab ich noch eine letzte, ganz kurze Geschichte: Als mein Großvater Uropa wurde, da hat er seiner Urenkeltochter ein kleines Schild geschenkt, als Gebrauchsanweisung fürs Leben, hatter gesagt. und auf dem kleinen Emaille-Schildchen stand: Bitte verlassen Sie diesen Ort, wie sie ihn vorzufinden wünschen.
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